Ein Corona-Ausbruch in Ostfriesland sorgt für Aufsehen, denn die Infizierten waren Gäste eines Restaurants. Falls sie sich tatsächlich dort angesteckt haben, wäre das der erste bekannte Fall dieser Art seit Wiederöffnung von Gaststätten und Cafés. Doch der Besitzer des Lokals und der zuständige Landrat schildern die Geschichte ziemlich unterschiedlich.
Leer – Nach einem Restaurantbesuch in Niedersachsen sind mehrere Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Unter ihnen auch der Inhaber des betroffenen Lokals „Alte Scheune“ in Jheringsfehn (Landkreis Leer).
„Aus den Hinweisen, die uns vorliegen, ergeben sich Indizien, dass am Abend des 15. Mai möglicherweise gegen Corona-Regeln verstoßen worden ist“, sagt Landrat Matthias Groote (46, SPD). Das habe eine Befragung der Gäste ergeben.

Das Restaurant „Alte Scheune“ hatte zuvor rund ein Jahr lang geschlossen – Renovierung. Am 15. Mai: der erste Abend mit Betrieb! Doch da soll das Corona-Drama seinen Lauf genommen haben. Inzwischen sind zehn der mindestens 36 Gäste des Abends nachweislich Corona-positiv.
Das sagt der Restaurant-Betreiber
Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa hatte der Inhaber der „Alten Scheune“ erklärt: „Es waren Gäste, die infiziert waren, bei mir im Restaurant.“ Der erste Abend sollte demnach ausgewählten Besuchern gehören – darunter Vertreter von Firmen, die den Besitzer unterstützt hatten. Der Inhaber stand zunächst als Koch in der Küche. Später gesellte er sich eigenen Angaben zufolge zu den Gästen, um mit ihnen anzustoßen. Die Abstands- und Hygieneregeln seien eingehalten worden, so der Mann, der seinen Namen nicht in den Medien lesen möchte.
Zeugen meldeten sich beim Gesundheitsamt
Nach dem 15. Mai war das Lokal noch drei Tage lang geöffnet – am 16., 17. und 20. Mai. „Gästelisten für diese drei Tage wurden dem Landkreis Leer aber erst auf Nachfrage am Freitag, 22. Mai, übermittelt“, heißt es vom Landkreis. Und: „Beim Gesundheitsamt haben sich inzwischen auch Personen gemeldet, die eigenen Angaben zufolge nach dem 15. Mai im Restaurant waren, aber nicht auf den Gästelisten standen.“

Gemeldet hätten sich zudem Personen, die sich nach eigenen Aussagen zu Vorstellungsgesprächen und zum Probekochen im Lokal aufgehalten haben. Auch diesen Fällen geht das Gesundheitsamt nach.
Inzwischen wurde laut Landkreis für rund 70 Menschen häusliche Quarantäne angeordnet: „Von diesen Personen zeigen einige bereits Symptome, sodass weitere Infektionsfälle im Zusammenhang mit dem Ausbruch nicht auszuschließen sind.“ Es gibt außerdem bereits mindestens einen weiteren Menschen, die sich nachweislich bei einem der zehn Infizierten vom 15. Mai angesteckt hat.
Ob an dem Abend in der „Alten Scheune“ wirklich gegen die Corona-Regeln verstoßen wurde, soll nun das Ordnungsamt in einem Ordnungswidrigkeiten-Verfahren klären.
Gesundheitsministerin mahnt zur Vorsicht
Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga reagierte bestürzt. Eine Sprecherin sagte NDR 1 Niedersachsen, durch das Hygiene- und Abstandskonzept, das der Verband erarbeitet habe, seien Neuinfektionen in Restaurants eigentlich nicht möglich.
Aus Sicht von Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) verdeutlichen die neu aufgetretenen Infektionen im Landkreis Leer einmal mehr, dass das Virus nicht besiegt ist. „Es ist noch da, und wir müssen weiterhin sehr wachsam sein, um die großen Fortschritte der vergangenen Wochen nicht zu gefährden.“ Sie forderte alle auf, die Lage weiterhin ernst zu nehmen und sich an die Abstands- und Hygieneregeln sowie die geltenden Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung zu halten. „Insbesondere an Orten, an denen nun wieder mehr Publikumsverkehr möglich ist, gilt es für uns alle, besonders vorsichtig und umsichtig zu sein.“
Trotzdem bleibt der Imbiss, der zur „Alten Scheune“ gehört, geöffnet. Das Personal dort sei strikt vom Restaurant-Personal getrennt gewesen, erklärt der Betreiber. Das Restaurant „Alte Scheune“ bleibe vorerst geschlossen. Nach seiner Quarantäne will der Mann am 4. Juni wieder öffnen. „Vorausgesetzt alle Tests sind negativ“, sagte er gegenüber der dpa.

