
Angefacht durch den Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in den USA gehen Menschen weltweit gegen Rassismus auf die Straße.
Doch für Teile der Demonstranten geht es nicht mehr nur um Protest gegen Rassismus – sie führen auch einen Kulturkampf gegen Denkmäler! Dutzende Skulpturen geraten ins Visier der Aktivisten. Ihre Begründung: Sie würden historische Figuren abbilden, die für Kolonialismus und Sklaverei stehen.
Nicht immer zurecht:
▶︎Am Sonntag vergangener Woche wurde das Denkmal von Sir Winston Churchill (1874-1965) geschändet. Er sei ein Rassist gewesen, stand auf dem Sockel der Statue des Mannes, der sein Land in den Krieg trieb, um die Welt von Hitler-Deutschland zu befreien.

Folge: Aus Furcht weiteren Schändungen verbarrikadierten die Behörden nicht nur die Churchill-Statue auf dem Platz vor dem Parlament in Westminster, sondern auch die dort ausgestellten Statuen der Freiheitskämpfer Indiens und Südafrikas, Mahatma Gandhi und Nelson Mandela.
In Großbritannien hatten Bilder aus Bristol den Anfang gemacht: Dort rissen Demonstranten vor einer Woche die Statue von Edward Colston (1636-1721) vom Sockel und warfen ihn ins Hafenbecken. Colston war Zeit seines Lebens Geschäftsmann gewesen. Seine Branche: Der Sklavenhandel.
Sind Entdecker Schuld am Rassismus?
• Doch auch historische Figuren, die nicht direkt mit der Sklaverei in Verbindung stehen, sin im Fadenkreuz der Aktivisten. Beispiel: Admiral Horatio Nelson. Der war beim glorreichen Sieg in der Schlacht von Trafalgar (1805) gefallen, hatte damit aber Napoleons Pläne vereitelt, die britischen Inseln anzugreifen – und den Grundstein für die spätere Vorherrschaft Britanniens auf den Weltmeeren gelegt.

• An der Uni Oxford fordern Studenten den Abbau der Denkmäler für Cecil Rhodes. Seine Geschichte ist mehrschichtig: Er war tatsächlich Kolonialist und Imperialist, nach ihm waren die Kolonien Nord- und Südrhodesien benannt, die heutigen Länder Sambia und Simbabwe. Doch der Gold- und Diamantenhändler war auch Großspender der Uni und zahlte Stipendien für schwarzafrikanische Studenten – für deren Wahlrecht er übrigens auch kämpfte, Jahrzehnte vor der Apartheid in Südafrika.
• Ähnlich in Australien: Dort musste die Polizei in Sydney die Statue von Entdecker James Cook (1728-1779) vor Gewalt schützen – berühmt durch seine Seefahrten im Südpazifik, bei denen er unter anderem Hawaii und Neuseeland entdeckte und Australien vor allen anderen kartografierte.
• In den USA ist auch der berühmteste Seefahrer aller Zeiten Zielscheibe der Aktivisten: Christoph Kolumbus (1451-1506), der Entdecker Amerikas!

Anti-Rassismus-Protestierer rissen am Mittwoch in St. Paul, Hauptstadt von Minnesota, eine Statue von Christoph Kolumbus vom Sockel. Auch andere Kolumbus-Statuen im Land wurden beschädigt, etwa in Boston (Massachusetts) und Richmond (Virginia).
• Daneben sind aber auch Denkmäler von Politikern zur Zielscheibe geworden, die mit ihrem Lebenswerk tatsächlich für die Sklaverei kämpfen: General Robert Edward Lee zum Beispiel, der als Oberbefehlshaber des konföderierten Heeres für die Südstaaten kämpfte. Ihm zu Ehren steht in Richmond, Virginia ein Denkmal auf einem Riesen-Sockel.

• Und in Frankfort (Kentucky) stand bislang im Kapitol des Staates eine Statue von Jefferson Davis, der als einziger Präsident der abgespaltenen Konföderierten Staaten von Amerika diente (1861 – 1865) – ausgerechnet in einem Raum mit Abraham Lincoln, dem Präsidenten, der die USA siegreich wiedervereinigt und die Sklaverei abgeschafft hatte.
• Eine andere Statue von Davis wurde zuvor in Richmond, Virginia vom Sockel gestoßen.

• Doch damit hört die Debatte nicht auf. Auch Statuen von Abraham Lincoln selbst stehen zur Debatte, wenn sie nicht zeitgemäß nach heutigen Kriterien antirassistisch sind. So etwa eine Statue in Boston, die den Präsidenten vor einem befreiten Sklaven stehend zeigt. Dieser kniet jedoch und ist nackt, ist dem weißen Präsidenten also unterlegen. Titel des Werks, das auch in Washington steht: „Emancipation“.

• In den Niederlanden, das im 17. Jahrhundert eine Handels- und Seemacht war, wurde eine Statue von Piet Heijn in Rotterdam beschmiert. Der Volksheld hatte 1628 in der Karibik eine Schatzflotte der spanischen Marine gekapert.

• In Belgien sind an mehreren Orten Statuen von König Leopold II (1835-1909) mit Farbe übergossen oder umgestoßen worden, Straßenschilder mit seinem Namen wurden übermalt. Historischer Grund: Seine Schreckensherrschaft Belgiens im Kongo mit Millionen Toten. Die Kolonie gehörte noch bis 1960 zu Belgien.

